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Abbé Franz Stock

Abbé Franz Stock

Am 21. September 1904 wurde Franz Stock als erstes von neun Kindern einer Arbeiterfamilie in der kleinen Industrie­stadt Neheim in Westfalen geboren. Von 1910 an besuchte er die katholischen Volksschule. Er gehörte zum Durchschnitt der Klasse. Als Zwölfjähriger äußerte er erstmalig den Wunsch, Priester zu werden. Deshalb wechselte er als Drei­zehn­jähriger Ostern 1917 auf das Neheimer Realgymnasium. Ostern 1926 machte er dort sein Abitur.

Von 1926 bis 1932 war Stock Student der katholischen Theologie. Er begann sein Studium in Paderborn an der Philosophisch-Theologischen Akademie. Ostern 1928 ging er für drei Semester nach Paris und studierte am Institut Catholique. Damit war er der erste deutsche Theologie­student in Frankreich seit dem Ersten Weltkrieg und der erste deutsche Student am Institut Catholique seit dem Mittelalter.

Am 12. März 1932 wurde Franz Stock durch den Paderborner Erzbischof Dr. Caspar Klein zum Priester geweiht. Auf seinem Primizzettel stehen die Worte aus dem 1. Petrusbrief: „Weihet Eure Seele durch Gehorsam gegen die Wahrheit zu auf­richtiger Bruderliebe und habet einander von Herzen lieb. Ihr seid ja wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern unvergänglichem Samen, durch Gottes Wort, das lebt und ewig ist.“

Franz Stock wurde in seiner Kindheit und Jugend sehr durch den Ersten Weltkrieg und durch die Folgezeit mit ihren politischen und ökonomischen Wirren geprägt. Parallel zu seiner religiösen Berufung zum Priester beschloss er, sich für die Völkerverständigung einzusetzen, insbesondere zwischen der deutschen und französischen Jugend.

Bereits in seiner Schulzeit schloss er sich dem Bund Neudeutschland und später der Quickbornbewegung, einer katholischen Jugendbewegung, an. Durch den Arbeitskreis Quickborn nahm er an einer für ihn prägenden inter­natio­nalen Jugendbegegnung mit über 10.000 Teilnehmern teil, die 1926 in Bierville von einem Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung, Marc Sangnier, einberufen wurde. Dort schloss er auch die Bekanntschaft mit Joseph Folliet, der neben Romano Guardini einen besonders großen Einfluss auf ihn ausübte.

Während seiner Studienzeit in Paris trat er ferner den „Compagnons de Saint François“ („Gefährten des heiligen Franziskus“) bei, deren Ideale das einfache Leben und die Verwirklichung des Friedens sind.

Auch in den folgenden Jahren war Franz Stock bei internationalen Begegnungen dabei, so 1931 auf dem vom Friedensbund Deutscher Katholiken organisierten Treffen auf dem Borberg, dem so genannten „Europaberg“ oder „Friedensberg“ des Sauerlandes zwischen Brilon und Olsberg. Stock war einer der Hauptredner. Nachdem er mit dem farbigen französischen Staatsbürger Louis Achille einen Friedenskuss getauscht hatte, kam es zu Protesten von ebenfalls anwesenden SA-Männern.

Von 1932 bis 1934 war Franz Stock als Seelsorger in Effeln bei Lippstadt und in Dortmund-Eving tätig. Dort lernte Franz Stock neben französisch auch polnisch, um sich als Vikar mit seinen vielen aus Polen stammenden Gemeindemitgliedern besser verständigen zu können.

1934 suchte der zuständige Kölner Erzbischof Kardinal Schulte einen Geistlichen für die Leitung der deutschen Gemeinde in Paris. Die Neubesetzung war 1934 schwierig, weil seit 1933 in Deutschland der Nationalsozialismus an der Macht war und die politische Entwicklung vom Ausland her kritisch beobachtet wurde. Es sollte ein Mann gefunden werden, der französische Sprachkenntnisse hatte, der die französische Mentalität kannte und die Seelsorgeprobleme der Weltstadt Paris überschaute. Es sollte aber vor allem ein Mann gefunden werden, der das Vertrauen des Pariser Erzbischofs Kardinal Verdier besaß. Dieser kannte Franz Stock noch aus der Zeit, als er selbst am Institut Catholique Professor war. Aus diesen Gründen ist die Wahl auf den jungen Priester Franz Stock gefallen. Anfang September 1934 traf Franz Stock in Paris ein und trat seine Stelle als Rektor der deutschen Gemeinde an. Er wohnte im Quartier Latin, nicht weit vom Pantheon. Zu der Betreuung von rund 500 Gemeindemitgliedern gehörten neben der seelsorglichen Tätigkeit auch viele sozial-karitative Aufgaben - und bald kam die Hilfe für politische Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei hinzu. Franz Stock Gemeindewirken wird als segensreich und einfühlsam beschrieben. Er machte kulturellen Angebote, veranstaltete Ausflüge und schaffte Orte der Begegnung mit Franzosen und Nichtkatholiken.

Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 musste Franz Stock weisungsgemäß Paris verlassen. Er übernahm Vertreterstellen in Dortmund-Bodelschwingh und dann in der Nähe von Magdeburg in Klein-Wanzleben.

Im Juni 1940 wurde Paris von der Deutschen Wehrmacht besetzt. Am 13. August 1940 wurde Franz Stock erneut zum Seelsorger der Deutschen in Paris ernannt. Er kehrte im Oktober nach Paris zurück, betreute dort allerdings eine andere Gemeinde. Als Standortpfarrer im Nebenamt begann er Anfang 1941 mit seiner Tätigkeit in den Pariser Wehr­machts­gefängnissen Fresnes, La Santé und Cherche Midi. Ihm oblag die Betreuung der Häftlinge in den Gefängnissen und die Vorbereitung der zum Tode Verurteilten.

Die Gefängnisse von Paris hatten von 1941 bis 1944 etwa 11.000 Gefangene. Die Erschießungen der Verurteilten und Geiseln fanden meist auf dem Mont Valérien statt. Franz Stock führte ein Tagebuch mit kurzen Notizen über die Gefangenen und zum Tode Verurteilten. Er erwähnte 863 Erschießungen, denen er beiwohnen musste, sagte aber kurz vor seinem Tod einem Bekannten, es seien über 2.000 gewesen. Die Gedenktafel auf dem Mont Valerien nennt eine Zahl von über 4.500. Zeugnisse Überlebender, Bücher und Filme dokumentieren den aufopferungsvollen Dienst Stocks an den Verurteilten, seine Menschlichkeit und sein Zugehen auf andere, ohne sich selbst zu schonen. Da die Gefangenen oft bewusst im Unklaren über das Schicksal ihrer Familien gelassen wurden, war es eine große Hilfe für sie, dass Stock Kontakt zu den Familien hielt und den Gefangenen Nach­rich­ten übermittelte, in von Aufsehern überwachten Gesprä­chen beispielsweise flüsternd während eines gemein­samen Gebetes des Priesters und des Gefangenen.

Franzosen gaben Franz Stock die Bezeichnung „L'Aumônier de l'enfer“ („Der Seelsorger der Hölle“) und „L'Archange en enfer“ („Der Erzengel in der Hölle“). Viele Wider­stands­kämpfer, wie Edmond Michelet, Jean de Pange, Robert d´Harcourt, wie auch Gabriel Péri und Henri Honoré d'Estienne d'Orves haben ihm die Ehre erwiesen. Heute ist der Platz vor dem Mémorial de la France Combattante, das an den Widerstand der Franzosen gegen die deutsche Besatzungsmacht erinnert, nach einem Deutschen, dem Abbé Franz Stock, benannt.

Am 25. August 1944 marschierte Charles de Gaulle in Paris ein. Abbé Stock blieb in Paris und half im Hospital la Pitié mehr als 600 nicht transportfähige, verwundete deutsche Soldaten zu betreuen. Das Hospital geriet in die Hände der Truppen des F.F.I. (Forces Francaises de l´Intérieur), der inneren Streitkräfte. Ein Hauptmann drang mit seinen Leuten in das Lazarett ein und forderte die Herausgabe von mehreren Geiseln, um sie wegen der Grausamkeiten von SS und Gestapo erschießen zu lassen. Der Offizier war ein ehemaliger Inhaftierter des Gefängnisses Fresnes. Als er Abbé Stock erkannte, unterzeichnete er ein Papier, das an das Portal des Lazaretts geheftet wurde. Das Lazarett wurde damit unter den Schutz der Résistance gestellt und seine Insassen waren vor Repressalien geschützt.

Als die Amerikaner das Lazarett übernahmen, wurde Abbé Franz Stock amerikanischer Kriegsgefangener. Er wurde in das Gefangenenlager von Cherbourg gebracht.

Als 1945 Franz Stocks Gesundheit nach den Kriegsjahren schwer angegriffen war und er in die Heimat hätte zurück­kehren können, nahm er dennoch eine neue Aufgabe an: die Gründung eines Priesterseminars besonderer Art, in dem deutschsprachige Priester und Seminaristen zusammen­ge­führt werden sollten. Es wurde auf Initiative der franzö­sischen Regierung und mit Unterstützung des Apostolischen Nuntius Roncalli, dem späteren Papst Johannes XXIII. gegründet. Abbé Stock wurde gebeten, dieses Seminar als Regens zu leiten.

Für das Seminar war zunächst das Kriegsgefangenenlager Dèpôt 51 in Orléans vorgesehen, wo es am 24. April 1945 gegründet wurde. Am 17. August 1945 wurde das Seminar von Orléans ins Gefangenenlager Dépôt 501 bei Chartres verlegt. Unter Beibehaltung von Status und Funktionsweise eines Kriegsgefangenenlagers wurden dort alle in fran­zö­sischer Kriegsgefangenschaft befindlichen Priester und Semi­na­risten zusammengelegt. So konnten sie ihre Studien fortsetzen oder auch beginnen. Für die jüngsten gab es einen Abiturkurs. Die Universität Freiburg im Breisgau übernahm die Patenschaft über dieses Seminar. Über zwei Jahre bestand das in seiner Art in der Geschichte der Kirche einzigartige Seminar. Es war das bis dahin größte Seminar, und es war ein „Seminar hinter Stacheldraht“ („Séminaire des barbelés“ ). Insgesamt 949 Dozenten, Priester, Brüder und Seminaristen aus Deutschland und Österreich waren im Verlauf der zwei Jahre dort. Ziel war es, diesen jungen Menschen, die berufen waren, praktische und moralische Verantwortung zu übernehmen im Hinblick auf den moralischen Wiederaufbau Deutschlands, eine spirituelle Aus­bildung zu geben, um der Indoktrinierung entgegen­zuwirken, der sie in der Nazizeit ausgesetzt gewesen waren.

Seminaristen des Stacheldrahtseminars waren unter anderen Bischof Emil Stehle, Bischof Bernado Witte, Weihbischof Bernhard Rieger, Weihbischof Franz Josef Kuhnle, Pfarrer Lothar Zenetti, der Schriftsteller Erich Kock uvm.

Nuntius Roncalli besuchte wiederholt das Seminar. Am Sonntag nach Weihnachten 1946 erschien der päpstliche Nuntius, um die Segenswünsche des Papstes zu überbringen. Er betonte bei diesem Besuch: „Das Seminar von Chartres gleicht sowohl in Frankreich wie Deutschland zum Ruhme. Es ist sehr wohl geeignet, zum Zeichen der Verständigung und Versöhnung zu werden.“

Am 5. Juni 1947 wurde es aufgelöst. Die letzten 369 Seminaristen verließen das Gefangenenlager. Franz Stock kehrte nach Paris zurück. Am 16. Dezember 1947 empfing Abbé Stock dort die Nachricht von seiner Ernennung zum Ehrendoktor der Universität Freiburg i. Br.

Am 24. Februar 1948 starb Abbé Franz Stock plötzlich und unerwartet, noch keine 44 Jahre alt, gegen 16:00 Uhr im Hospital Cochin in Paris. Der Tod Abbé Stocks durfte in der Presse nicht bekannt gegeben werden, da er noch immer den Status eines Kriegsgefangenen hatte. Aus diesem Grunde folgte seinem Sarg nur ein knappes Dutzend Menschen. Von der Familie konnte niemand an der Beisetzung teilnehmen, da sie keine Einreiseerlaubnis erhalten hatten.

Franz Stock wurde am 28. Februar 1948 zunächst auf dem Friedhof Thiais bei Paris beerdigt. Die Totenfeier fand in der Kirche St. Jacques-du-Haut-Pas in Paris statt. Nuntius Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII. nahm die Einsegnung des Toten vor und sagte dabei: „Abbé Franz Stock - das ist kein Name - das ist ein Programm!“

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Stock)